| Titelinformation |
| Verzeichnis der Vortragenden und der Diskussionsteilnehmer am Rundgespräch | 7-8 |
| Vorwort | 9 |
| Begrüßung durch Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Roland Bulirsch, Mitglied des Vorstands der Bayerischen Akademie der Wissenschaften | 11-12 |
| Erika VON MUTIUS: Einführung in das Rundgespräch | 13-14 |
| Thomas LÖSCHER: Malaria in Europa: Historischer Rückblick und Ausblick | 15-26 |
| Diskussion | 27-28 |
| Volker FINGERLE: Epidemiologie und mikrobiologische Diagnostik der Lyme-Borreliose: zwischen Mythen und Fakten | 29-40 |
| Diskussion | 41-42 |
| Gerhard DOBLER: Interaktionen von Ökologie und Epidemiologie am Beispiel der Frühsommer-Meningoenzephalitis | 43-50 |
| Diskussion | 51-52 |
| Annette POHL-KOPPE: Symptome, Krankheitsverlauf und Diagnostik von Lyme-Borreliose und FSME | 53-60 |
| Diskussion | 61 |
| Hans Hubert GERARDS: Was wissen wir über die Ausbreitung der Infektion mit dem Kleinen Fuchsbandwurm? | 63-68 |
| Diskussion | 69-70 |
| Andreas KÖNIG: Neue Untersuchungsergebnisse zur Ausbreitung des Kleinen Fuchsbandwurms im Großraum München | 71-84 |
| Diskussion | 85-86 |
| Dirk VAN DER SANT: Bestandsentwicklung wichtiger Überträgerarten aus wildbiologischer Sicht | 87-98 |
| Diskussion | 99-100 |
| Josef H. REICHHOLF: Zeckenverbreitung und Häufigkeitstrends von Zeckenträgern in Stadt, Wald und Flur | 101-109 |
| Diskussion | 109-110 |
| Abschlussdiskussion | 111-116 |
| Claudia DEIGELE: Zusammenfassung des Rundgesprächs | 117-119 |
Betke, Klaus, Prof. Dr. med., Lochham
Bischhoff-Miersch, Andrea, Wissenschaftsjournalistin, München
Brehm, Klaus, Priv.-Doz. Dr., Institut für Hygiene und Mikrobiologie, Universität Würzburg, Würzburg
* Bulirsch, Roland, Prof. Dr., Bayerische Akademie der Wissenschaften, Mitglied des Vorstands, München
* Dobler, Gerhard, Dr. med., Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr München, München
Elstner, Erich, Prof. Dr., Technische Universität München, Lehrstuhl für Phytopathologie, Freising
* Fingerle, Volker, Dr. med., Nationales Referenzzentrum für Borrelien, Max-von-Pettenkofer-Institut der Universität München, München
Frühwein, Nikolaus, Dr. med., Präsident der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen e.V., München
* Gerards, Hans Hubert, Dr. med., GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, München
Gietl, Christine, Priv.-Doz. Dr., Technische Universität München, Lehrstuhl für Botanik, Biologikum, Freising
Haber, Wolfgang, Prof. Dr., Mitglied der Kommission für Ökologie, Technische Universität München, Lehrstuhl für Landschaftsökologie, Freising
Herm, Dietrich, Prof. Dr., Mitglied der Kommission für Ökologie, Pullach
Hofmann, Heidelore, Prof. Dr. med., Technische Universität München, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, München
Hoppe, Brigitte, Prof. Dr., c/o Universität München, Geschichte der Naturwissenschaften, München
Just, Frank, Dr. med. Dr., Universität München, Institut für vergleichende Tropenmedizin und Parasitologie, München
Kandler, Traudl, Dr., München
Knorr, Dietrich, Dr., Gilching
* König, Andreas, Dr., Technische Universität München, Wissenschaftszentrum Weihenstephan, Fachgebiet Wildbiologie und Wildtiermanagement, Freising
Kutzschenbach, Peter von, Dr. med., Vaterstetten
* Löscher, Thomas, Prof. Dr. med., Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin der Universität München, München
* Mutius, Erika von, Prof. Dr. med., Mitglied der Kommission für Ökologie, Dr. v. Haunersches Kinderspital der Universität München, Klinikum Innenstadt, München
Neiss, Albrecht, Prof. Dr., Technische Universität München, Institut für Medizinische Statistik und Epidemiologie, München
* Pohl-Koppe, Annette, Priv.-Doz. Dr. med., Dr. v. Haunersches Kinderspital der Universität München, Klinikum Innenstadt, München
Prestele, Jakob, Technische Universität München, Institut für Botanik, Biologikum, Freising
Rehm, Norbert, Dr., Vet. Dir., Bayerisches Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, Ref. Tierseuchenbekämpfung, München
* Reichholf, Josef H., Prof. Dr., Mitglied der Kommission für Ökologie, Zoologische Staatssammlung, München
Sauer, Hans Dieter, Wissenschaftsjournalist, Gräfelfing
Sauter, Ulrich, Dr., Forstdirektion Oberbayern-Schwaben, Augsburg
Schneider, Dietrich, Prof. Dr., Starnberg
* van der Sant, Dirk, Dr., Landesjagdverband Bayern e.V. (BJV), Geschäftsstelle, Feldkirchen
Ziegler, Hubert, Prof. Dr., Vorsitzender der Kommission für Ökologie, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München
Durch Tiere auf den Menschen übertragene Infektionskrankheiten, so genannte Zoonosen, sind in den letzten Jahren aufgrund ihrer Zunahme verstärkt in den Blickpunkt des Interesses gerückt. Zwar sind die zugrunde liegenden biologischen Systeme aus Wirtstier und von diesem auf den Menschen übertragenen Parasit (z.B. Fuchsbandwurm oder Zecke) meist seit langem bekannt und es liegen von medizinischer Seite viele Daten z.B. über Zunahme und geografische Ausbreitung der Krankheiten vor. Es fehlen aber oft neuere Untersuchungen zur Ökologie und zur Verbreitung der Wirtstiere, z.B. zu möglicherweise verändertem Fress-, Jagd- oder Brutverhalten aufgrund von in den letzten Jahren oder Jahrzehnten veränderten Umweltbedingungen. Sofern derartige ökologische Daten vorhanden sind, fehlt zudem oft ihre Verknüpfung mit den entsprechenden medizinisch-epidemiologischen Daten.
Die Brücke zwischen Medizin und Epidemiologie einerseits und Ökologie andererseits zu schlagen, war Ziel des Rundgesprächs »Zur Ökologie von Infektionskrankheiten: Borreliose, FSME und Fuchsbandwurm«. Aus der Fülle der weltweit für den Menschen bedeutenden Zoonosen wurden dabei nur exemplarisch einige wenige Beispiele herausgegriffen, die speziell in Mitteleuropa von Bedeutung sind (bzw. dort noch vor kurzem von Bedeutung waren) und durch wild bzw. frei lebende Tiere übertragen werden: Die Übertragung des Malaria-Erregers durch die Anopheles-Mücke, die Übertragung des Fuchsbandwurms sowie die Übertragung von Zecken mit Borreliose- oder FSME-Erregern durch Wild und andere frei lebende Tiere.
Das vorliegende Buch enthält die Vorträge und Diskussionen dieser Tagung, ergänzt durch eine Zusammenfassung. Es richtet sich gleichermaßen an Fachleute wie an interessierte Laien und soll neben dem aktuellen Wissensstand auch Handlungsmöglichkeiten sowie Forschungslücken aufzeigen.
Erika von Mutius, Josef H. Reicholf
Thomas LÖSCHER: Malaria in Europa: Historischer Rückblick und Ausblick
[14 Seiten, 7 Schwarzweißabbildungen, 8 Tabellen]
Die Malaria war bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in großen Teilen Europas verbreitet. Durch Bekämpfungsmaßnahmen, die vor allem auf der Trockenlegung von Brutgebieten der Überträgermücken beruhten, gelang es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, die Erkrankung in den meisten europäischen Ländern auszurotten. In den letzten Jahren hat sich die Malaria in einigen südosteuropäischen und asiatischen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion wieder ausgebreitet. Heute ist die Malaria mit 200-300 Millionen Erkrankungen und 1-2 Millionen Todesfällen pro Jahr vor allem ein Problem tropischer Entwicklungsländer, insbesondere in Afrika südlich der Sahara. Durch die enorm gestiegene internationale Migration spielt die Malaria in Europa eine zunehmend wichtige Rolle als Importinfektion. Die Entwicklung von Resistenzen bei Plasmodium falciparum, dem Erreger der gefährlichen Malaria tropica, gegen zahlreiche Malariamedikamente stellt ein großes Problem in den Verbreitungsgebieten dar und beeinträchtigt auch die Effektivität der Chemoprophylaxe bei Reisenden. Die enormen in den letzten Jahren erzielten Forschungserfolge (komplette Sequenzierung des Genoms von P. falciparum und der Überträgermücke Anopheles) lassen hoffen, dass in absehbarer Zeit bessere Werkzeuge für die Bekämpfung entwickelt werden können, wie z.B. neue Medikamente und eine wirksame Impfung.
Volker FINGERLE: Epidemiologie und mikrobiologische Diagnostik der Lyme-Borreliose: zwischen Mythen und Fakten
[14 Seiten, 6 Schwarzweißabbildungen, 2 Tabellen]
Durch Zecken übertragene Erkrankungen, insbesondere die Lyme-Borreliose, stehen in den letzten Jahren zunehmend im Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Dies ist abzulesen an der steigenden Berichterstattung in der Presse, der Einrichtung von mehr als 50 Lyme-Borreliose-Selbsthilfegruppen mit über 10 000 freiwilligen Mitarbeitern sowie der Etablierung einer unüberschaubaren Zahl von Informationsquellen im Internet. Die durch das Schraubenbakterium Borrelia burgdorferi s.l. verursachte Lyme-Borreliose ist eine in Deutschland häufige und in Einzelfällen auch schwer verlaufende Infektionserkrankung, die jedes Jahr aufs Neue für spektakuläre Berichte in den Medien und im Internet sorgt. »Nur im Frühstadium zu therapieren«, »typischerweise chronisch verlaufend« und »nur sehr schwer zu diagnostizieren« sind nur einige der weit verbreiteten Vorstellungen zu dieser Erkrankung. Aus verschiedenen gut konzipierten wissenschaftlichen Studien lässt sich dagegen ableiten: Die Lyme-Borreliose ist eine Erkrankung mit überwiegend guter Prognose, die sich anhand der vorhandenen Richtlinien auch meist gut diagnostizieren und therapieren lässt. Schwere chronische Verläufe stellen die Ausnahme dar.
Für die Diagnostik der Lyme-Borreliose stehen offizielle Richtlinien basierend auf kontrollierten Studien und Expertenmeinung als Grundlage ärztlichen Handelns zur Verfügung. In der anspruchsvollen mikrobiologischen Diagnostik steht der Antikörpernachweis als Stufendiagnostik im Vordergrund. Als weitere Methoden können die Erregeranzucht und die Polymerase-Kettenreaktion (Nachweis von Erreger-DNA) in spezialisierten Laboratorien durchgeführt werden. Die große Heterogenität von B. burgdorferi s.l. stellt dabei ein prinzipielles Problem für alle diagnostischen Methoden dar. Es ist aber zu betonen, dass die Sensitivität des Antikörpernachweises bei den immer wieder diskutierten chronischen Manifestationen bei nahe 100 % liegt.
Der Lymphozyten-Transformationstest, der Nachweis von Borrelien aus vom Menschen entfernten Zecken und der Visual Contrast Sensitivity Test können derzeit für die Diagnostik nicht empfohlen werden.
Gerhard DOBLER, Sandra ESSBAUER, Roman WÖLFEL und Martin PFEFFER: Interaktionen von Ökologie und Epidemiologie am Beispiel der Frühsommer-Meningoenzephalitis
[10 Seiten, 6 Schwarzweißabbildungen]
Die FSME ist eine durch Zecken und Kleinnager innerhalb eines Naturzyklus übertragene Virusinfektion, die beim Menschen zu einer ZNS-Symptomatik führen kann. Der Mensch ist direkt nicht an der Aktivität des Naturzyklus beteiligt, kann jedoch indirekt, z.B. durch politische Faktoren (Klimapolitik), Einfluss auf den Naturzyklus nehmen. Für das Zustandekommen der menschlichen Infektionen ist die Aktivität des Naturzyklus von untergeordneter Bedeutung. Hierzu ist das Eindringen des Menschen in den Naturzyklus notwendig. Dieses Eindringen wird von verschiedenen soziologischen, ökonomischen und populationsdynamischen Faktoren gesteuert. Nachdem die FSME-Impfung die einzige wirksame Schutzmöglichkeit vor einer FSME-Erkrankung darstellt, spielen auch gesundheitspolitische Faktoren (Impfpolitik, Impfeinstellung, Impfakzeptanz) eine große Rolle für die Zahl der auftretenden FSME-Erkrankungen. Nur das zunehmende Verständnis dieser sozioepidemiologischen Zusammenhänge kann über Verhaltensänderungen zu einer Abnahme der Erkrankungszahlen führen.
Annette POHL-KOPPE: Symptome, Krankheitsverlauf und Diagnostik von Lyme-Borreliose und FSME
[9 Seiten, 5 Schwarzweißabbildungen, 2 Tabellen]
Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und die Lyme-Borreliose sind zwei unterschiedliche Infektionskrankheiten, deren Gemeinsamkeit im Übertragungsweg liegt: Beide Krankheiten werden durch die Schildzecke Ixodes ricinus übertragen.
Die Lyme-Borreliose wird durch Borrelia burgdorferi (aus der Gruppe der Spirochäten) verursacht und verläuft in drei Infektionsstadien. Die akute Infektion (Stadium I) kann nach mehreren Tagen bis wenigen Wochen zu einer lokalen Infektion am Ort des Zeckenstiches führen, die sich klinisch als Wanderröte (Erythema chronicum migrans) manifestiert. Nach einer Inkubationszeit von mehreren Wochen bis Monaten kann sich eine akute systemische Infektion (Stadium II) an verschiedenen Organsystemen entwickeln: an der Haut (multiple Erythemata migrantia oder ein Borrelienlymphozytom), am zentralen Nervensystem (ZNS) (Gesichtslähmung, nicht-eitrige Gehirnhautentzündung, Bannwarth-Syndrom u.a.), an den Gelenken (Lyme-Arthritis), selten am Herz oder an den Augen. Erfolgt keine antibiotische Behandlung im Stadium I oder II, kann es nach Monaten bis Jahren zu einer chronisch-systemischen Infektion (Stadium III) an der Haut (Acrodermatitis chronica atrophicans), an den Gelenken (chronisch-rezidivierende Arthritis) oder am ZNS (chronische Polyneuropathie oder Enzephalomyelitis) kommen. Diagnostisch steht der Nachweis von Borrelien-spezifischen Antikörpern an erster Stelle, wobei die Lyme-Serologie zahlreiche Besonderheiten aufweist. Der Nachweis von Borrelien mittels Kultur oder deren Genom mittels PCR ist nur bei besonderen Indikationen sinnvoll. Die Lyme-Borreliose wird antibiotisch behandelt, wobei die Wahl des Antibiotikums, die Verabreichungsart und die Dauer der Behandlung von der klinischen Manifestation, dem Infektionsstadium und dem Alter der Patienten abhängen.
Die FSME wird durch ein Virus der Familie der Flaviviren verursacht. Die Erkrankung häuft sich in den Sommer- und Herbstmonaten in Abhängigkeit von der Zeckenstichaktivität. Nach einer Inkubationszeit von ca. 7-14 Tagen entwickelt sich bei 30 % der infizierten Personen eine Grippe-ähnliche Symptomatik. Nach durchschnittlich einer Woche kommt es dann bei bis zu 10 % der Infizierten zu Symptomen einer ZNS-Infektion (Entzündung der Hirnhäute und des Gehirns). Der Verlauf ist im Kindesalter wesentlich milder. Bei Erwachsenen geht die Infektion mit einer Sterblichkeit von 1-2 % einher, Defektheilungen (d.h. dauerhafte neurologische Ausfälle) treten in 10-20 % auf. Die Infektion wird durch den Nachweis von Antikörpern im Blut bestätigt. Es gibt keine spezifische Therapie. Vorbeugend kann eine aktive Immunisierung mit einem Totimpfstoff durchgeführt werden.
Hans Hubert GERARDS: Was wissen wir über die Ausbreitung der Infektion mit dem Kleinen Fuchsbandwurm?
[8 Seiten, 2 Schwarzweißabbildungen, 1 Tabellen]
Die Infektion mit dem Kleinen Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis), die alveoläre Echinokokkose, ist eine seltene, aber gefährliche menschliche Helminthose. Sie wird durch die Larven des Erregers hervorgerufen. Der Mensch stellt dabei einen Fehlwirt im Lebenszyklus des Wurmes dar. Besonderes Merkmal ist die lange Inkubationszeit von ca. 10 Jahren. In über 90 % der Fälle ist die Leber befallen. Operation und Chemotherapie kommen als Behandlungsmethoden in Frage, sind aber nur eingeschränkt wirksam, da das Geschehen im fortgeschrittenen Stadium dem eines malignen Tumors gleicht. Seit 1998 besteht in Deutschland ein Register, seit 2001 die Meldepflicht. Die Krankheit ist besonders im Süddeutschen Raum verbreitet, wobei sie mit der seit langem beobachteten stetigen Zunahme des Fuchsbestandes und einer parallel dazu immer höher werdenden Befallsrate der Füchse mit dem Erreger in Zusammenhang gebracht wird.
Andreas KÖNIG: Neue Untersuchungsergebnisse zur Ausbreitung des Kleinen Fuchsbandwurms (Echinococcus multilocularis) im Großraum München
[16 Seiten, 8 Schwarzweißabbildungen, 11 Tabellen]
Seit den frühen 1990er Jahren beschäftigt das Thema »Kleiner Fuchsbandwurm« die Öffentlichkeit. Die Reaktionen in den einzelnen betroffenen Bundesländern waren sehr unterschiedlich. Während man sich mit diesem Problem in Baden-Württemberg schon früh intensiv beschäftigte, wurde ihm in Bayern zunächst wenig Beachtung beigemessen. Differenzierte Forschungsansätze und umfassende Grundlagendaten fehlen daher in Bayern. 2002 wurde das Fachgebiet für Wildbiologie der Technischen Universität München in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim gebeten, eine Risikoanalyse zum »Kleinen Fuchsbandwurm« im Landkreis Starnberg durchzuführen. Auftraggeber waren die Bürgermeister des Landkreises Starnberg sowie drei Bürgermeister des angrenzenden Landkreises München. Im Durchschnitt trug jeder zweite Fuchs den Bandwurm, in Teilen des Untersuchungsgebietes sogar 80 % der untersuchten Tiere. Diese Ergebnisse lösten in Bayern eine erneute Diskussion über die Gefährlichkeit dieses Parasiten aus.
Eine Beurteilung der Krankheit über den Ansatz der menschlichen Erkrankungsfälle (zurzeit jährlich 4 Patienten in Bayern) ist zwar verlockend, berücksichtigt jedoch nicht die lange Zeitspanne von 10 bis 15 Jahren, die zwischen Infektion und Ausbruch der Krankheit liegt. In diesem vergangenen Zeitraum haben Füchse Städte und Dörfer als Lebensraum entdeckt und besiedelt, die Fuchspopulation hat sich verdreifacht und die Befallsraten in dieser Population mit dem Kleinen Fuchsbandwurm haben sich verdoppelt. Das Infektionsrisiko kann für uns Menschen daher heute als 7-mal höher angenommen werden wie noch vor 10 bis 15 Jahren, als sich 3-4 Bürger in Bayern infizierten. Bei Behandlungskosten von mindestens 300 000 € je Patient entsteht heute bereits ein volkswirtschaftlicher Schaden von ca. 6 Mio. € pro Jahr.
Anstatt diesen Betrag auch künftig fast vollständig für die Therapie zu verbrauchen, kann er präventiv für Entwurmungs- und Aufklärungsmaßnahmen verwendet werden. Hierdurch könnte viel menschliches Leid vermieden werden. Schwerpunkt der Entwurmungsmaßnahmen müssen dabei Städte und Dörfer sein, da hier nicht nur sehr viele Füchse mit dem Bandwurm leben, sondern auch viele Menschen durch ihre Aktivitäten eng in Kontakt mit Füchsen bzw. deren Ausscheidungen kommen. In der Gemeinde Grünwald wird seit 2001 gezeigt, dass Entwurmungsmaßnahmen nachhaltig die Befallsraten auf nahezu 0 % drücken können.
Dirk VAN DER SANT: Bestandsentwicklung wichtiger Überträgerarten aus wildbiologischer Sicht
[14 Seiten, 15 Schwarzweißabbildungen, 1 Tabelle]
Das Thema des Vortrags, Bestandsentwicklung wichtiger Überträgerarten aus wildbiologischer Sicht, kann leider zurzeit noch nicht zufrieden stellend beantwortet werden. Bestandsanalysen in Form von Populationshöhe und -zusammensetzung sind momentan nur von einigen ausgewählten Tierarten möglich. Für die so genannten »Allerweltsarten« wie Rotfuchs, Steinmarder oder Reh (um nur einige zu nennen) liegen uns die Daten nicht vor, um auf Art und Struktur der Populationen zurückschließen zu können. Die Streckenanalysen, die im Folgenden gezeigt werden, sind im Prinzip sehr einseitige Ergebnisse. Sie betreffen nur die Tiere, die erlegt wurden und daher nicht mehr im Bestand sind. Dennoch sind, trotz aller Unzulänglichkeiten dieser Datenerhebung, einzelne Aussagen möglich. Bei einer langfristigen Betrachtung der Strecken (Mindestzeitraum zehn Jahre) können allgemeine Tendenzen einer Population beschrieben werden. Mögliche Einflussfaktoren, wie zum Beispiel die jagdrechtliche Situation oder Veränderungen in der Bewirtschaftungsweise des jeweiligen Wildes, müssen dabei jedoch miteinbezogen werden.
Allgemein gilt: Von einer »Bedrohung« durch Wildtiere und der von ihnen übertragenen Parasiten und Krankheiten muss allein aus Fürsorgepflicht ausgegangen werden. Falls eine Intensivierung der Jagd auf potenzielle Überträgerarten nicht möglich ist, müssen auch ergänzende Lösungen in Ansatz gebracht werden.
Die hier beschriebenen Sachverhalte können nicht alle Aspekte im Detail erörtern. Jedoch kann aufzeigt werden, in welchem Zwiespalt sich die Erfassung, die Analyse und die Deutung der Daten bewegen. Rückschlüsse auf ein mögliches Risiko der Krankheitsübertragung von Wildtieren auf den Menschen können nur angenommen werden. Bei steigenden Populationsdichten wird das Übertragungsrisiko aber mit Sicherheit wahrscheinlicher.
Josef H. REICHHOLF: Zeckenverbreitung und Häufigkeitstrends von Zeckenträgern in Stadt, Wald und Flur
[10 Seiten, 13 Schwarzweißabbildungen]
Borreliose, FSME und Infektionen mit dem Fuchsbandwurm nahmen in den letzten Jahrzehnten in Bayern und in anderen Regionen Mitteleuropas zum Teil ganz erheblich zu. Doch es ist unklar, in welchem Umfang es sich dabei um Folgen verbesserter Diagnostik oder um einen tatsächlichen Anstieg der Infektionen handelt. Vor allem mangelt es an Daten zur Bestandsentwicklung der Zeckenpopulationen und ihrer Wirte. Lediglich für Jagdwild, wie Reh und Fuchs, lassen sich aus den Jagdstrecken in gewissem Umfang Tendenzen entnehmen.
Eigene Untersuchungen in München und der Umgebung sowie die jahrzehntelange Registrierung von überfahrenen Tieren auf der Bundesstraße 12 von München nach Osten (150 km einfache Strecke) geben eine grobe Übersicht zu den Entwicklungen bei den Zecken und den Zeckenträgern. Danach liegt die Zeckenhäufigkeit in Münchner Gärten und Parks rund 15-mal höher als in Wäldern an der Isar südlich von München. Die mit Abstand größten Häufigkeiten, das 65fache des Walddurchschnitts, treten an Wildfütterungen und deren unmittelbarer Umgebung auf.
Die Bedeutung des Igels als Zeckenträger verdient stärkere Beachtung, liegt die Igelhäufigkeit im Siedlungsbereich doch etwa 10fach höher als in Wald und Flur. Ähnliches trifft auch für frei laufende Hauskatzen zu. Mehrfach häufiger als im Wald sind Marder in den Städten. Die Fuchshäufigkeit dürfte nach den Befunden zu den Straßenverkehrsverlusten in den letzten Jahren wieder etwas rückläufig geworden sein. Ungleich häufiger als in Wald und Flur sind die Carnivoren in den Städten insgesamt. Die Erfassung der Füchse allein reicht daher vermutlich nicht aus, um die Epidemiologie des Kleinen Fuchsbandwurms zu verfolgen und seine Ausbreitung einzudämmen. Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass es in den Städten weit höhere Bestände frei lebender Säugetiere gibt, die zu Überträgern von Zoonosen werden können, als auf den Fluren oder in den Wäldern. Ihre Verbreitung, Häufigkeit und Bestandsentwicklungen sind bisher kaum näher untersucht worden.
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