Review

Zentralblatt für Geologie und Paläontologie

S. 424-426

652. Rössner, G. E. & Heissig, K. (Hrsg., 1999): The Miocene Land Mammals of Europe – 515 S., zahlreiche Abb. und Tab., (Dr. Friedrich Pfeil) München, ISBN 3-931516-50-4, DM 273,82.

Der eindrucksvolle Band faßt den derzeitigen Kenntnisstand über die miozänen terrestrischen Säugetiere Europas auf über 500 Seiten zusammen, Zu dieser monumentalen Festschrift, Prof. Dr. VOLKER FAHLBUSCH zum 65. Geburtstag gewidmet, haben nicht weniger als 44 Kolleginnen und Kollegen aus Europa, China und den USA beigetragen. Das Werk ist in drei Abschnitte gegliedert. Die ersten drei Kapitel im Abschnitt "The Continental European Miocene" befassen sich mit Stratigraphie und Paläogeographie des terrestrischen Miozäns Europas: Im Kapitel "Chronostratigraphy, Geochronology and Biochronology of the European Land Mammal Mega-Zones (ELMMZ) and the Miocene Mammal-Zones (MN-Zones)" präzisiert STEININGER die "European Land Mammal Zones (MN)" und schlägt das Konzept der "European Land Mammal Mega-Zones" vor, die den bisher gebräuchlichen European Land Mammal Ages (z.B. Turolium) entsprechen; MEIN berichtet im Kapitel "European Miocene Mammal Biochronology" über die neuesten Entwicklungen in der MN-Zonierung seit dem letzten Symposium zu diesem Thema 1990 auf der Reisensburg; RÖGL befaßt sich mit der paläogeographischen Entwicklung des Mittelmeerraumes und ihre Auswirkung auf Migrationsbewegungen ("Circum-Mediterranean Miocene Paleogeography").

Im zweiten Abschnitt, dem Hauptteil des Werkes, werden in 38 Kapiteln "The European Miocene Land Mammals in Systematic Order" abgehandelt: ZIEGLER stellt die jüngste europäische Beutelratte Amphiperatherium frequens vor, die bis in MN 6 nachgewiesen ist; im nachfolgenden Kapitel beschreibt er die miozänen Insectivora. Beide Kapitel sind vor allem durch sehr gut erhaltene Kieferfunde von der Fundstelle "Ulm Westtangente" illustriert. Das Kapitel Pholidota (v. KOENIGSWALD) ist den Schuppentieren gewidmet, die im Fossilbericht durchweg selten sind und im Miozän ihr jüngstes Auftreten in Europa haben. Die Fledermäuse werden von STORCH abgehandelt. Obwohl der Fossilbericht altweltlicher Megachiroptera – im Gegensatz zu den Microchiroptera – äußerst dürftig ist, sind sie doch durch isolierte Zähne in Spaltenfüllungen des mediterranen Frankreich repräsentiert. Das Kapitel über die Primaten (KÖHLER, MOYÀ-SOLÀ & ANDREWS) kann mit dem spektakulären Neufund eines Dryopithecus-Teilskelettes von Can Llobateres [Spanien) aufwarten. Nur ein einziger Creodonte, Hyainailuoros sulzeri, überlebte in Europa bis in das MlOZÄN, der von GINSBURG vorgestellt wird. Im Gegensatz dazu waren die Carnivora im Miozän sehr divers und haben mit den Machairodontinae im oberen Miozän sogar Säbelzahnkatzen hervorgebracht (GINSBURG). SCHMIDT-KITTLER gibt einen kurzen Überblick über die Unterfamilie der Lophiocyoninae, eine kleine Gruppe pflanzenfressender Carnivora. Die heute mit einer einzigen Art auf Afrika beschränkten Tubulidentata treten mit derselben Gattung Orycteropus sporadisch auch im Miozän Europas auf (HEISSIG). GÖHLICH stellt die miozänen Proboscidea vor, die durch eindrucksvolle Skelettfunde z. B. von Prodinotherium von Langenau bei Ulm und Gomphotheriurm von Gweng bei Mühldorf am Inn repräsentiert sind. Klippschliefer wanderten im oberen Miozän von Afrika nach Europa ein, doch blieben sie als seltene Faunenelemente auf den nördlichen Mittelmeerraum beschränkt (HEISSIG). Nur einen kleinen Rest einer im Paläogen formenreichen Gruppe stellen die miozänen Tapire Europas dar, die kurz vorgestellt werden (HEISSIG). Die Rhinocerotidae entwickelten im Miozän eine bemerkenswerte Formenvielfalt, die von HEISSIG ausführlich dargestellt wird. Zu den merkwürdigsten Perissodactyla zählen die Chalicotheriidae, die in neogenen Faunen selten, aber mit einer gewissen Regelmäßigkeit auftreten (HEISSIG). Die Equidae erlebten, beginnend mit der Einwanderung des brachydonten Anchitherium in MN 3, in Europa im Miozän eine bemerkenswerte Radiation, die bis MN 9 andauerte; danach kam es zu einem zweiten Entwicklungsschub mit der Immigration des hypsodonten Cormohipparion in MN 9 (BERNOR & ARMOUR-CHELU). Die Anthracotheriidae waren im Oligozän in Europa weit verbreitet und überlebten dort bis ins untere Miozän, während die Hippopotamidae mit der Gattung Hexaprotodon im oberen Miozän erscheinen (VAN DER MADE). Die Schweinartigen (Suoidea) sind im Miozän Europas mit wenigen Tayassuidae und zahlreichen Taxa der Suidae vertreten (HÜNERMANN). Die Cainotheriidae als eine ausgestorbene Gruppe kleiner Paarhufer kommen in Mittel-, West- und Südwesteuropa vom oberen Eozän bis zum Beginn des mittleren Miozäns vor und unterscheiden sich durch ihre Molarenstruktur von allen anderen Paarhufern (HEIZMANN). Im oberen Miozän (MN 13) überquerten Camelidae (Paracamelus) die Beringstraße und wanderten fast gleichzeitig nach Afrika und Europa ein (VAN DER MADE & MORALES). Ruminantia (GENTRY, RÖSSNER & HEIZMANN) erscheinen im europäischen Fossilbericht im unteren Miozän mit den Tragulidae und Pecora; sie stellen mit ca. 80 Gattungen und 150 Arten ein wichtiges Element der miozänen kontinentalen Faunen Europas. KRISTKOIZ-BOON & KRISTKOIZ handeln kurz die einzige miozäne Leporiden-Gattung Alilepus und die etwas zahlreicheren Ochotoniden ab. Entsprechend ihrer Bedeutung in den miozänen Faunen nehmen die Nagetiere ein Drittel des Buches ein, denn sie spielen im Miozän eine überragende Rolle für die Biostratigraphie (MN-Zonen) und sind auch für paläoökologische Fragestellungen von Interesse: Ctenodactyloidea (DE BRUIJN), Aplodontomorpha (MÖDDEN), Sciuroidea (DE BRUIJN), Castoridae (HUGUENEY), Gliridae (DAAMS), Eomyidae (ENGESSER), Zapodidae (DAXNER-HÖCK), Melissiodontidae (MÖDDEN), Eucricetodon und Pseudocricetodon (HUGUENEY), Cricetodontinae (RUMMEL), microtoide Cricetiden (FEJFAR), Cricetini (KÄLIN), Platacanthomyinae (FEJFAR), Gerbillidae (WESSELS), Muridae (FREUDENTHAL & MARTÍN SUÁREZ), Anomalomyidae (BOLLIGER), Spalacidae (ÜNAY), Hystricidae (SEN).

Der dritte Abschnitt des Buches ist den "Intercontinental Relationships and Island Faunas" gewidmet. MOYÀ-SOLÂ, QUINTANA, ALCOVER & KÖHLER stellen "Endemic Island Faunas of the Mediterranean Miocene" vor. Fossile Inselfaunen im mediterranen Bereich haben z.T. bemerkenswerte Riesenformen unter den Kleinsäugern hervorgebracht (z. B. Deinogalerix vom Mte. Gargano, Italien). Den Bezug nach Asien und China stellen QIU, WU & QIU im Kapitel "Miocene Mammal Faunal Sequence of China: Palaeozoogeography and Eurasian Relationships" her, während VAN DER MADE die Faunenbeziehungen zwischen Europa, Afrika und dem Indischen Subkontinent darstellt ("Intercontinental relationship Europe – Africa and the Indian Subcontinent"). Den Faunenaustausch zwischen Europa und Nordamerika beleuchtet DAWSON im letzten Kapitel des Buches: "Bering Down: Miocene dispersaIs of land mammals between North America and Europe".

Der Band ist ansprechend gestaltet und reich mit Strichzeichnungen und Schwarzweiß-Fotografien (z.T: rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen) ausgestattet. Die Wiedergabe der Fotos ist in der Regel gut, z.T erscheinen sie jedoch etwas dunkel. Sehr wertvoll sind die jedem Kapitel beigefügten Tabellen der einzelnen Taxa mit deren stratigraphischem Auftreten, ihren Fund-Lokalitäten, den Aufbewahrungsorten der Holotypen und den entsprechenden Literaturzitaten. Im Anschluß an den Text sind dem Sammelband ein Index der wissenschaftlichen und Trivialnamen sowie ein Ortsregister angefügt, die das Auffinden einzeIner Taxa oder Lokalitäten ganz erheblich erleichtern.

Man kann dieses Buch als einen gelungenen Wurf bezeichnen. Den Herausgebern muß man Bewunderung zoIlen für das erfolgreiche Unternehmen, 44 Autoren unter einen Hut gebracht und ein Buch produziert zu haben, das wie aus einem Guß wirkt. Das Werk wird für lange Zeit das wichtigste Referenzbuch für denjenigen sein, der sich über miozäne Säugetiere informieren möchte. Es dürfte aber auch von großem Nutzen als ein Nachschlagewerk für die Lehre sein, was seinen Wert noch beträchtlich erhöht. Dieses Buch sollte in jeder geowissenschaftlichen Fachbibliothek stehen.

T. MARTIN

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