| Review |
Der voluminöse Band ist dem weit über die Landesgrenzen bekannten Wirbeltierpaläontologen Volker Fahlbusch aus München als Festschrift zum 65. Geburtstag gewidmet. Als Autoren zeichnen mehr als 40 Paläontologen aus über 10 Staaten, von China und der Türkei über Europa bis zu den USA. Sie zeigen mit ihren Beiträgen die Wertschätzung für den Jubilar.
Der einleitende Abschnitt (S. 9-48) gibt eine Übersicht über die Biochronologie mit den europäischen "Land-Mammal-Zones (MN Zones)" und deren Parallelisierung mit der marinen (Nanno-) Plankton-Biochronologie und der Magnetostratigraphie durch F. F. Steininger (Frankfurt/M.) und P. Mein (Lyon) sowie eine durch Karten ergänzte Darstellung der Paläogeographie des zirkummediterranen Raumes im Miozän durch F Rögl (Wien) mit den wichtigsten "events", wie "proboscidean datum" (nach F. Rögl Basis von MN 4, nach L. Ginsburg, "middle part of MN3") und "Hipparion" event.
Der Hauptteil (S. 49-434) ist in systematischer Abfolge den einzelnen Säugetierordnungen gewidmet. Diese reichen von den Beuteltieren (Marsupialia) bis zu den Röhrenzähnern (Tubulidentata). Wie nach dem Arbeitsschwerpunkt des Jubilars nicht anders zu erwarten, ist den Nagetieren (Rodentia) ein besonders breiter Raum gewidmet. (Leider fehlt im Inhaltsverzeichnis und auch im Text als Überschrift der Begriff Rodentia ebenso wie jener der Perissodactyla und Artiodactyla; die Hyracoidea sind nur als Unterordnung (S. 169) bzw. als Überfamilie (S. 7) angeführt.)
Der abschließende Abschnitt (S. 435-483) ist mit Beiträgen von M. Dawson (Pittsburgh), J. van der Made (Madrid), Zhangxiang Qiu (Beijing), Zhuding Qiu (Beijing) und Wenyu Wu (Beijing) den interkontinentalen Faunenbeziehungen und der Korrelation gewidmet.
Das Register ist nach den wissenschaftlichen bzw. allgemein gebräuchlichen Tiernamen und den Fundorten getrennt, was den Gebrauch des Buches bedeutend erleichtert.
Die Beiträge des Hauptteils sind entsprechend ihrer Bedeutung von unterschiedlichem Umfang, jedoch meist einheitlich illustriert, wobei mehrfach auch (Skelett- bzw. Habitus-) Rekonstruktionen nicht fehlen. Der Text entspricht jeweils dem neuesten Stand und ist durch Übersichtstabellen mit den Fundorten der einzelnen Arten sowie durch Literaturzitate ergänzt. Auch "Stammbäume" finden sich in manchen Kapiteln (z. B. Primates):
Erstaunlich ist die Fülle von lnsektenfressern (lnsectivora), deren Artenzahl durch Untersuchungen vor allem von C. G. Rümke und R. Ziegler seit den 80er Jahren erheblich vermehrt werden konnte. Demgegenüber sind die Beuteltiere (Marsupialia) und Schuppentiere (Pholidota) nur durch eine bzw. zwei Arten vertreten (R. Ziegler und W. von Koenigswald). Die Zusammensetzung der Fledermausfauna (Chiroptera) spiegelt die klimatischen Veränderungen vom Alt- bis zum Jungmiozän wider (G. Storch). Im Kapitel Primates sind Abbildungen des erstmals 1996 beschriebenen postcranialen Skeletts von Dryopithecus laietanus aus Spanien bemerkenswert. Neben den nur durch Hyainailourus vertretenen Urraubtieren (Creodonta = Hyaenodonta), die im Alt- und Mittelmiozän die Stelle der heutigen Hyänen vertraten, sind die Raubtiere (Carnivora) arten- und formenreich nachgewiesen. Den Lophocyoninen, deren taxonomische Stellung diskutiert wird, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Außer einzelnen neuen Namen für höhere systematische Einheiten wird von L. Ginsburg auch eine neue Gattung (Pilgrimeles für "Martes" woodwardi) errichtet. Protursus wurde bereits 1977 vom Rezensenten als Synonym von Simocyon (= "Metarctos") erkannt. Potamotherium wird aIs Angehöriger der Musteliden klassifiziert.
Die Erdferkel (Tubulidentata) sind im Miozän nur durch eine Art vertreten (K. Heissig). Die Rüsseltiere behandelt U. B. Göhlich (München). Die Schliefer (Hyracoidea), die mit M. S. Fischer als Unterklasse der Unpaarhufer klassifiziert werden, sind hauptsächlich durch Pliohyrax vertreten. Von den gleichfalls von K. Heissig bearbeiteten Tapiren, Nashörnern und Chalicotherien sind die Tapire mit drei, die Nashörner hingegen durch über 20 Gattungen nachgewiesen. Die eigenartigen Chalicotherien, deren unbekannte Vorläufer von K. Heissig als vermutliche Baum kletterer angesehen werden, sind durch drei Gattungen bekannt. Im von R. L. Bernor & M. Armour-Chelu verfaßten Abschnitt über die Pferdeartigen (Equidae) wird neben Anchitherium und "Hipparion" (mit Cormohipparion und Hippotherium) die Geschichte der Equiden im Neogen Eurasiens besprochen.
Im nicht eigens bezeichneten Kapitel Paarhufer (Artiodactyla) werden die Anthracotherien (mit Elomeryx, Brachyodus und Anthracotherium) von J. van der Made als Angehörige der Hippopotamoidea (mit Hexaprotodon) klassifiziert. Als Suoidea werden Tayassuiden und Suidae von K. A. Hünermann besprochen (Legenden zu Fig. 20, 3a und c verwechselt). Die übrigen Paarhufer sind, entsprechend ihrer Diversität, von verschiedenen Autoren (E. P. J. Heizmann, J. van der Made, J. Morales, A. W. Gentry & G. E. Rössner) bearbeitet worden.
Den Hasenartigen (Lagomorpha) widmen sich E. Boon-Kristkoiz & A. R. Kristkoiz, während die Nagetiere (Rodentia) in den Kapiteln 25-42 von insgesamt 15 Autoren eingehend besprochen werden. Daß dabei Meinungsunterschiede nicht ganz ausbleiben konnten, zeigt etwa die taxonomische Beurteilung der Gattung Epimeriones (O. Fejfar, W. Wessels).
Im ganzen gesehen, eine eingehende, bis ins Detail gehende und dem neuesten Stand entsprechende Übersicht über die miozänen Land-Säugetiere Europas, die für jeden, der sich mit diesem Themenkreis befaßt, unentbehrlich ist. Diese Festschrift zeigt zugleich die ungeheuren Fortschritte nicht nur in taxonomischer, phylogenetischer und verbreitungsgeschichtlicher Hinsicht", sondern auch die Bedeutung der oft diskutierten "mammal zones" (MN 1-13), deren Parallelisierung durch die "absolute" Altersdatierung seit 1959 möglich geworden bzw. weitgehend gesichert werden konnte.
Diskutabel erscheint die Frage, warum nicht das gesamte Jungtertiär, also auch das Pliozän (bis zur MN 17-Zone) berücksichtigt wurde, wie es vereinzelt (z. B. Tabelle auf S. 327) erfolgte. Die Zahl der Druckfehler ist sehr gering.
Ein Standardwerk, das in die Bibliothek jedes Paläontologen, der sich mit den jungtertiären Säugetierfaunen beschäftigt, gehört. Der hohe Preis dürfte die Anschaffung des Buches zwar erschweren, das Werk ist es jedoch zweifellos wert. Der lnteressentenkreis ist durch die Herausgabe in englischer Sprache wesentlich erhöht.
E. THENIUS
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