Besprechung

NATUR&Land

87. Jahrgang, Heft 6, 2001, S. 20

Erich Thenius

Lebende Fossilien

Oldtimer der der- und Pflanzenwelt – Zeugen der Vorzeit

2. Aufl. 2001, Dr. Friedrich Pfeil Ver!ag, München, I5BN 3-931516-70-9, Euro 14,31/ATS 197,–

Die Paiäontologie, die erd- und biowissenschaftliche Fragestellungen und Methoden verbindet, ist ein faszinierender Zweig der Naturwissenschaften. Spätestens mit der Entdeckung der Dinosaurier hat die Wissenschaft vom Leben in der Vorzeit eine breite Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erfahren und jüngste Berichte wie die weitere Entdeckung eines lebenden Quastenflossers, eines seit Jahrmillionen unveränderten Knochenfisches, finden nicht nur in den Fachmagazinen ihren Niederschlag.

Den Paläontologen verdanken wir eine anschauliche Darstellung der Vergänglichkeit und der Dynamik alles Lebendigen. So wissen wir, dass vermutlich als Folgeerscheinung eines Meteoriteneinschlages am Ende der Kreidezeit vor etwa 65 Millionen Jahren ein dramatisches Massensterben weltweit einsetzte, das zum Niedergang der Großsaurier führte. Gleichzeitig wurde durch den Wegfall dieser bedeutenden Reptiliengruppe und anderer damals ausgerotteter Tiergruppen der Weg frei für die

Entfaltung der Vögel und der bis dahin unscheinbaren Säugetiere bis hin zum Menschen.

Dramatische Perioden des Artensterbens hat es in der Erdgeschichte wiederholt gegeben und die bedeutenden Massenaussterben haben wesentlich die wissenschaftliche Großgliederung der Erdgeschichte mitbestimmt. Im Gegensatz zu den Zeiten vor 1800 ist heute dem interessierten Publikum die Vergänglichkeit des Lebendigen, das durch die kontinuierlichen Änderungen auf der Erdoberfläche bedingte Entstehen und Vergehen, durchaus eine vertraute Tatsache. So ist es für den Fachmann und Laien heute gleichermaßen erstaunlich, wie es in der turbulenten Erdgeschichte möglich war, dass einzelne Arten und Artengruppen lange Zeiträume unverändert blieben, während doch "rundherum" sich die abiotische und biotische Welt verändert hat.

Die seit Jahrmillionen nicht oder kaum veränderten 0ldtimer der Tier- und Pflanzenwelt, die sogenannten "Lebenden Fossilien" sind der fesselnde Gegenstand des Buches. Erich Thenius, emeritierter Universitätsprofessor am Institut für Paläontologie der Universität Wien, ein begnadeter Autor populärwissenschaftlicher Bücher, fasst die Erforschung der Zeugen der Vorzeit in leicht verständlicher Form zusammen. Seinem kritisch-wissenschaftlichen Verständnis entsprechend sind die Inhalte hervorragend recherchiert und die wichtigsten Arbeiten zitiert.

Sich widersprechende Meinungen werden am Beispiel von wissenschaftshistorischen Betrachtungen gegenübergestellt und Entdeckungsgeschichten (z.B. Entdeckung des ersten lebenden Quastenflossers) in spannender Form nacherzählt. Die Illustrationen sind reichlich und vielfach in Farbe. Besonders gelungen sind die Abbildungen zu den evolutiven Stammbäumen (z.B. der Kopffüßer, Spinnenartigen, Armfüßer, Lungenfische, Panzerechsen, etc.) und den Reliktarealen lebender Fossilien (Südostasien, Nord- und Mittelamerika, Australien, Südamerika). Besonders empfehlenswert erscheint mir das Buch, weil es Wissenschaft in einer Form bringt, die jeder interessierte Laie ohne Zuhilfenahme weiterer Literatur versteht. von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert, kann der Rezensent das Buch jedem naturkundlich interessierten nur wärmstens empfehlen. Für Biologielehrerlnnen ist das auf dem neuesten Stand der Forschung befindliche Werk eine wahre Fundgrube, nicht nur der vielen und aktuellen Daten wegen, sondern auch oder gerade weil es der äußerst sorgfältige Autor versteht, komplizierte Inhalte einfach und klar verständlich zu präsentieren, ohne schulmeisterlich zu wirken oder wissenschaftliche Inhalte zu verzerren.

Ao. Univ. Prof. Mag. Dr. Walter Hödl, lnst. f. Zoologie, Universität Wien

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