| Besprechung |

Tagblatt der Südtiroler
118. Jahrgang Nr. 160
Bozen, Donnerstag, 13. Juli 2000
Es scheint, als hätte die Natur manche Lebewesen, die unsere Erde bewohnen, einfach vergessen. Ungestört von evolutiven Einflüssen gaben sie ihre Artmerkmale über Jahrmillionen unverändert der nächsten Generation weiter Uris vermögen sie heute wenigstens in Fragmenten ein Bild aus allerfernster Vergangenheit vorzuführen: Arten, die sowohl fossil als auch in gegenwärtiger Lebensform gleichermaßen in Erscheinung treten.
Sei es der Nautilus, einige urweltlich anmutende Echsen, der berühmt gewordene Quastenflosser oder auch »alte« Pflanzen wie der Ginkgo-Baum, sie alle kennzeichnet nicht nur ein eigentümliches Nischendasein im natürlichen System der Arten. Oft verbirgt sich dahinter auch eine spannende Geschichte ihrer Entdeckung und aufregender Forscherstreit um ihre systematische Stellung im Reich der Organismen. Viele dieser Tiere und Pflanzen wurden zuerst fossil und später erst lebend gefunden. Allgemein bekannt wurde beispielsweise die Entdeckungsgeschichte des Quastenflossers. Bereits in der Grundschule hört man davon zum ersten Mal. Doch welche Ereignisse folgten danach? Wird uns auch erzählt, dass erst in den beiden letzten Jahren Lebendbeobachtungen mit Tauchbooten dieses immerhin metergroßen Fisches gelangen?
Der Wiener Autor Thenius, anerkannte Koryphäe auf dem Gebiet der Wirbeltierpaläontologie, geht solchen Ereignissen sehr gründlich nach und versteht es, die vielfältigen Aspekte seines Forschungsfeldes auf amüsante und spannende Weise mitzuteilen. Sprachlich balanciert er dabei zwischen exakt wissenschaftlichem und journalistisch spritzigem Stil. So gelingt es mühelos, den Leser für dieses spezielle Wissensgebiet zu interessieren und ihm überdies allgemeine Grundbegriffe der systematischen· Biologie originell zu illustrieren. Trotz des aufschlussreichen und dicht gefassten Pflanzen-Kapitels erscheint die Paläobotanik zumindest vom Umfang her vernachlässigt. Andererseits findet Thenius bei seinen Streifzügen durch die Pflanzenwelt zu eigenwilligen Schlüssen und dem Leser wird klar, dass hier noch lange nicht das letzte Wort gesprochen scheint.
Mustergültig ausgestattet und mit qualitätsvollem Bildmaterial versehen, lässt die Lektüre des Buches kaum Wünsche unerfüllt. Für Lehrer, die den Stoff »lebende Fossilien« häufig im Unterricht behandeln, ist dieses. Buch ein Muss. Es liefert eine kompetente Quelle zum Thema und wird helfen, Missverständnisse oder Legenden, die in diesem Zusammenhang oft verbreitet werden, auszumerzen. Gemeinverständlich geschrieben, wendet sich das Buch aber an alle naturkundlich Interessierten: an Schüler, Studenten, Naturliebhaber vom Bergwanderer zum Kleingärtner, oder Menschen, die ganz einfach nach überraschenden Erkenntnissen pirschen.
bo.
Thenius, Erich: »Lebende Fossilien. Oldtimer der Tier- und Pflanzenwelt.· Zeugen der Vorzeit«. München, Pfeil-VerIag 2000. 228 Seiten, zahlreiche Fotos, Abbildungen und Tabellen: ISBN 3-931516-70-9, ca. 27.750 Lire.
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