| Review |
9.12.2002 (20.05-20.30 Uhr), hr2
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Zum Schluss wieder einmal ein Buchtipp. Im Verlag Dr. Friedrich Pfeil erschien ein reich bebildertes Buch mit dem schlichten Titel: "Leben im Meer", auf das wir bei der letzten Frankfurter Buchmesse aufmerksam geworden sind. Karl-Heinz Wellmann stellt es Ihnen vor: "Leben im Meer". Alles Leben stammt bekanntlich aus dem Meer, und für die Tiere kann man sogar sagen: alle wesentlichen Baupläne sind im Meer geformt worden. Nach der Landbesiedelung ist – im Vergleich zu den Epochen davor – nicht mehr allzu viel passiert. Wer die Tiere im Meer genau kennt; der kann daher auch das Entstehen der Vielfalt des tierlichen Lebens insgesamt auf unserer Erde gut verstehen. Wie das Leben im Meer heute aussieht und wie es im Verlauf der Evolution entstand, das will Prof. Werner Grüter in seinem Buch erklären – und beides gelingt dem Autor vorzüglich. Fast 300 Seiten stark ist sein gut verständliches Werk über die Evolution der Meerestiere, und da es in ungewöhnlich kleiner Schrift gesetzt wurde, hält man eigentlich eine 500-Seiten-Publikation in Händen: ein Lehrbuch der Evolutionslehre, und zugleich ein unterhaltsames Lesebuch für Hobbytaucher und für Aquarianer. Warum haben die Vorfahren von Seelachs, Muräne und Kabeljau eine Lunge entwickelt, später aber wieder verloren? Was bedeutet "primitiv", wenn man diese Bezeichnung Korallenpolypen anhängt? Welchen Nutzen kann die Beobachtung von Tiefseeschnecken für die Evolutionslehre haben? Drei ganz unterschiedliche Fragen sind das, die aber die Breite des Wissens erahnen lassen, das in diesem Buch "Leben im Meer" zusammen getragen wurde. |
Zum Beispiel die Frage: Was ist primitiv an den Polypen? Seit 600 Millionen Jahren besiedeln sie – praktisch unverändert – die Meere, sie haben die scheinbar höher entwickelten Ammoniten überlebt und auch die Dinosaurier; ein höheren Maß an Perfektion im Bauplan eines Lebewesens ist praktisch nicht vorstellbar. Ist das Urteil "primitiv" hier angemessen? Oder die Tiefseeschnecken, die 3000 Meter unter dem Meer grell-rot daher kriechen. Gibt es einen besseren Beleg dafür, dass die Evolution auch sozusagen neutrale Merkmale hervorbringen kann, also Eigenschaften, die einfach so da sind, ohne dass sie einen unmittelbaren Nutzen haben?! Am Boden der Tiefsee ist es nämlich stockdunkel, rotes und gelbes Licht wird schon 30 Meter unter der Oberfläche kaum noch durchgelassen – kein Lebewesen hat je die Buntheit der Tiefsee-Organismen wahrnehmen können, bis unsere Tauchboote mit ihren Lampen dort unten Filmaufnahmen machten. Hunderte überraschende Einblicke in das Leben im Meer kann man aus diesem reich bebilderten Buch gewinnen, das nebenbei viele Tipps für Taucher gibt und jede evolutionsbiologische Unterrichtseinheit bereichern kann. Der Autor ist übrigens – man wird es erahnen – begeisterter Gerätetaucher und Unterwasser-Fotograf, dies allerdings nur nebenberuflich, im Hauptberuf ist er Professor für Neurologie und Psychiatrie. Ein Querdenker also im besten Sinn, und ein Glückspilz, denn ein so gut ausgestattetes Buch ist für jeden Verleger ein großes finanzielles Risiko, selbst dann noch, wenn man es von ganzem Herzen zum Kauf empfehlen kann. |
| Copyright © 2013 Verlag Dr. Friedrich Pfeil |
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