Review

4, April 2002, 55. Jahrgang, Nr. 646, S. 221-222

Werner Grüter:
Leben im Meer.
Wie es ist, wie es wurde, wie es werden kann.
Verlag Dr. Friedrich Pfeil. München 2001. 288 S., 334 Abb., Euro 38,– / sFr. 74,32

Das Leben im Meer eignet sich besonders gut, um das unendlich vielseitige, immer wieder neue Überraschungen bietende Spiel der Evolution zu studieren. Es begann vor mehr als 3 Milliarden Jahren, nachdem das Weltmeer entstanden war. Zauber der Vielfalt und ihrer Zusammenhänge, so kennzeichnet der Autor sein lebendiges und verständliches Buch, in dem er die komplexen Zusammenhänge anschaulich beschreibt, unter denen die verschiedensten Lebensformen im Laufe der Erdgeschichte entstanden sind, wie sie gegenwärtig existieren und sich vermutlich in Zukunft weiterentwickeln werden.

In 13 thematisch untergliederten Kapiteln, die in sich geschlossen und auch einzeln lesbar sind, wird mit großer Fachkenntnis und didaktischem Geschick Sachkenntnis im Detail und in größeren Zusammenhängen vermittelt. Beispielhaft dafür ist das Kapitel über die Vielfalt der Fortpflanzungsformen in stammesgeschichtlicher Perspektive:

Über ungeschlechtliche und geschlechtliche Reproduktion, über die Entwicklung verschiedener Begattungsformen, über Geschlechtsverteilung und Zwittertum, über aufeinander folgende männliche und weibliche Phasen des Organismus und über die wissenschaftlich ungeklärte, sozial induzierte Geschlechtsumkehr, zum Beispiel bei Fahnenbarschen. Hier und in anderen Kapiteln wird gezeigt, dass "Erfindungen" der Evolution durchaus nicht synchron auftreten. So sind die hoch entwickelten Knochenfische (mit über 24000 Arten) bei der äußeren Besamung stehen geblieben, während die viel älteren Knorpelfische (Haie, Rochen, Chimären) "moderner" ausgerüstet sind, nämlich für die Paarung mit innerer Befruchtung. Viele Knochenfische hingegen haben die vorteilhafte Brutpflege "erfunden", die es bei den Knorpelfischen nicht gibt.

Der Neurologe Werner Grüter bringt uns auch die Leistungen unterschiedlich gebauter Nervensysteme nahe. Das Gehirn der Tintenfische ist zum Beispiel bereits erstaunlich hoch entwickelt und befähigt diese Tiere zu verblüffenden Gedächtnis-, Lern- und Dressurleistungen. Immer wieder kleidet der Autor wissenschaftliche Probleme in einfach klingende Fragen. Welche Funktion haben Farben in nachtschwarzer Tiefsee? Warum schmeckt der Hummer nicht nach Salz? Wie arrangiert man sich am Meeresboden, wo der Platz nicht für alle reicht?

Ob es sich um die Entwicklung der Augen von Meerestieren handelt – von der lichtempfindlichen Zelle zum Becherauge, zu den konvergenten Entwicklungen der Linsenaugen bei den Tintenschnecken und Wirbeltieren und dem Facettenauge der Krebse – oder um die Entwicklung der Korallenriffe, der Autor versteht es, die schier unglaublichen Vernetzungen zahlreicher Faktoren mit dem Ergebnis reibungsloser Funktionsgefüge verständlich darzustellen. Die Korallenriffe, die größten Bauten der Erde, geben ein faszinierendes Beispiel für ein höchst komplexes Funktionsgefüge, dem der Verfasser bis in die jüngsten Forschungsergebnisse nachspürt. Ihnen zufolge erholen sich viele Riffe wieder, die vor Jahren wegen zu hoher Wassertemperaturen dem Absterben preisgegeben zu sein schienen. Das Buch spricht einen breiten Leserkreis an. Dem Naturfreund bietet es tiefe Einblicke in eine noch wenig bekannte Welt in ihren komplexen Zusammenhängen; dem werdenden Biologen werden Fragen gestellt, die es noch zu beantworten gilt, den Schüler kann es für die (Meeres-)Biologie gewinnen, und dem Lehrer liefert es Unterrichts- und Anschauungsmaterial. Auch der forschende Meeresbiologe wird auf neue Gedanken stoßen, und der Taucher wird besser verstehen, was er in der Vielfalt unter Wasser sieht.

Vielfalt von Formen, Farben und Verhaltensweisen kann man lebendig beschreiben; wenn man sie außerdem textbegleitend abbilden kann, bekommt die Vielfalt eine neue Dimension der Anschauung. Wie anders sollte sonst das Ästhetische in der Natur in uns dringen und uns staunen machen? Dem passionierten Taucher ist eine glückliche Synthese zwischen Text und kunstfertigen, meist bezaubernd schönen Photographien gelungen. (Fast alle stammen, in Jahrzehnten gesammelt, von ihm selbst.) Hinzu kommt eine Zahl von graphischen Darstellungen, die den didaktischen Wert von Text und Bild noch erhöhen.

Jede Beobachtung des Lebens im Meer wird zu einem Ausflug in die Stammesgeschichte und damit auch zu einer Reise in unsere eigene Vergangenheit bis zu ihren Anfängen. Durch scharfe Beobachtungen und Folgerungen vermittelt das Buch die sich mehr und mehr ausbreitende Erkenntnis, dass der Mensch die Natur braucht, aus der er selbst stammt, dass er auf Gedeih und Verderb auf sie angewiesen ist und sein Handeln danach einrichten muss. Wenn es uns nicht gelingt, einen vernünftigen Pakt mit der Natur zu schließen, wird sie zurückschlagen. Eile ist geboten.

Prof. Dr. Detlev Ploog, München

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