Besprechung

Oktober 2004 · Band 134 · Heft 10: 323-324

Hans-Jürgen Beug

Leitfaden der Pollenbestimmung für Mitteleuropa und angrenzende Gebiete

542 S., 120 Taf., 29 Abb., 13 Tab., geb. F. Pfeil, München, 2004. EURO 90,-; ISBN 3-89937-043-0

Der emeritierte Göttinger Palynologe HANS-JÜRGEN BEUG legt mit dem Leitfaden der Pollenbestimmung ein Buch vor, das mit Fug und Recht als Lebenswerk bezeichnet werden kann. Seit den 50er Jahren pollenmorphologisch arbeitend, veröffentlichte BEUG 1963 den ersten Teil einer Serie, die sich der Bestimmung fossiler Pollenkörner für den Bereich der gesamten mitteleuropäischen Flora widmen sollte. Weitere Bände konnten aufgrund der beruflichen Weiterentwicklung des Autors und der damit verbundenen Aktivitäten jedoch nicht fertiggestellt werden. Um so erstaunlicher und bewundernswerter die Tatsache, daß sich BEUG 1997 nach seiner Pensionierung dieser Aufgabe mit großem Engagement wieder annahm. Ein Beispiel mag dieses illustrieren: Aufgrund des fortgeschrittenen Alters und des damit verbundenen Qualitätsverlustes der Göttinger Pollenreferenzsammlung führte BEUG über einen Zeitraum von fünf Jahren eine vollständige Erneuerung der Sammlung durch und ermöglichte so erst das hier besprochene Buch.

Das Werk deckt erstmals das Gesamtgebiet derFlora Mitteleuropas mit den Alpen ab und ist diesbezüglich weit mehr als eine Ergänzung des Klassikers "Textbook of pollen analysis" von FAEGRI & IVERSEN, 4. Aufl. 1989, der sich lediglich der nordwesteuropäischen Pollenflora widmet. BEUG untersuchte 2500 (!) Pflanzenarten Mitteleuropas, berücksichtigte dabei aber auch wichtige Arten aus anderen Regionen Europas (z.B. Holzpflanzen, die nach derzeitiger Kenntnis im Pliozän und/oder in den pleistozänen Warmzeiten der mitteleuropäischen Flora angehörten). Insgesamt konnten 586 bestimmbare Pollentypen ermittelt werden. Da die Pollenanalyse in erster Linie zur Rekonstruktion der Vegetationsgeschichte des Eiszeitalters eingesetzt wird, sei noch erwähnt, daß das Buch für das gesamte europäische Quartär und für die Endphase des Tertiärs zur Benutzung ausgelegt ist.

Der Titel des Buches ist durchaus wörtlich zu nehmen, es handelt sich um ein Bestimmungsbuch, nichts anderes sollte man erwarten!

Dem kurzen Vorwort folgen lediglich zwölf Seiten Text, die eine kurze Einleitung bieten, ein hilfreiches Glossar für die verwirrende Vielfalt der für die Beschreibung der Pollenkörner notwendigen Begriffe liefern und sich zudem mit der Nomenklatur beschäftigen. Von großer Bedeutung ist die Anleitung zur Präparation der Pollenkörner. Spätestens hier wird dem interessierten Laien oder Neu-Einsteiger allerdings schnell eine logistische Beschränkung klar, denn Schwefel- bzw. Essigsäure sind nicht für den Heimgebrauch bestimmt, und die wenigsten werden die für die Aufbereitung der Lösung unentbehrliche Zentrifuge besitzen. Von Nachteil ist, daß die Präparations-Anleitung lediglich für die Erlangung von Präparaten aus Blütenmaterial geschrieben ist. Mögliche zu untersuchende Pollenproben weisen jedoch selten diesen Reinheitsgrad auf und benötigen entsprechende Reinigungsschritte. Hier müßte auf das bereits erwähnte "Textbook of pollen analysis" zurückgegriffen werden das zudem zahlreiche interessante Hintergrundinformationen zum Thema Pollen und Palynologie liefert.

Die Bestimmungsschlüssel sind binär aufgebaut und werden durch Fototafeln mit mikroskopischen Aufnahmen der Pollenkörner unterstützt. Schnell erhält man so einen Einblick in die Komplexität der dreidimensionalen Strukturen der Pollenkörner, und es wird deutlich, wie extrem sich mit verändernder Aufsichtsebene die Morphologie des Pollenkorns quasi mit "verändert".

Als gelungen zu bezeichnen ist die Idee, das Literaturverzeichnis zu unterteilen. Einem allgemeinen dreiseitigen Verzeichnis mit der im Text zitierten Literatur folgt auf 19 Seiten die Auflistung weiterführender Literatur, die nach den jeweils behandelten Pflanzenfamilien aufgeteilt und alphabetisch sortiert ist.

Dem herausgebenden Pfeil-Verlag muß ein großes Kompliment ausgesprochen werden. Er hat Mut und Idealismus bewiesen, indem er sich einem sehr speziellem Thema angenommen hat. Druck und Layout sind ausgezeichnet, der Preis verglichen mit den heutzutage üblicherweise für (meist englischsprachige) Fachliteratur zu zahlenden Summen als moderat zu bezeichnen.

J. Amendt

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