| Besprechung |

Stuttgart, 111(11)2001, S. 346
WÄGELE, J. W. 2000. Grundlagen der Phylogenetischen Systematik. 315 SS., zahlr. Abb. ISBN 3-931516-73-3. München (Pfeil). Preis: DM 78,00.
Seit wenigstens fünfundzwanzig Jahren ist dies das erste in sich geschlossene und umfangreiche Lehrbuch der systematischen Biologie – ein guter Auftakt für das Jahrhundert der Biodiversität. Denn: ohne Systematik, ohne eindeutige Nomenklatur (Benennungssysteme), ohne Klassifikation und ohne Phylogenie wird es nicht möglich sein, die dringenden Aufgaben der Systematik im Rahmen der internationalen Biodiversitätsforschung zu meistern. – Der Verfasser, Inhaber des Lehrstuhls für Spezielle Zoologie an der Ruhr-Universität Bochum, zugleich Generalsekretär der Gesellschaft für biologische Systematik (siehe EZ 110: 92) ist im internationalen Umfeld durch kritische Arbeiten zur Frage des Beitrags molekularer Methoden zur Aufklärung der Stammesgeschichte der Metazoen, insbesondere der Articulaten aufgefallen. Das vorliegende Lehrbuch bietet einen kritischen Überblick über die Begriffe und Methoden der modernen phylogenetischen Systematik. Im einleitenden Kapitel werden die wissenschaftstheoretischen Grundlagen erarbeitet, die die Basis dieses Buch bilden. In sorgfältig aufeinander aufbauender Weise werden dann die wesentlichen Grundbegriffe der Systematik (Genfluss, Population, Artbegriff, Speziation, Evolutionsmodelle) erarbeitet. Es folgt eine Einführung in die Begrifflichkeiten der Stammbaumdiagramme und in die wichtigsten Voraussetzungen für die Rekonstruktion der Phylogenese (Merkmale, Homologie, Monophylie), wobei die sehr kritische Abwägung und Wertung der Begrifflichkeiten besticht. Es folgen die Phänomenologische Merkmalsanalyse (Kap. 5) und die hierauf basierenden Verfahren (Kap. 6). Hier werden sowohl die klassische HENNIGsche Methode (die eigentliche "Phylogenetische Kladistik", die "Phänetische Kladistik" und die "Kladistische Analyse von DNA-Sequenzen" begrifflich und methodisch voneinander getrennt behandelt werden. Es folgt in einem der folgenden Abschnitte die Behandlung modellabhängiger Verfahren (Subsitutionsmodelle, Distanzverfahren, die Begriffe der Maximum Likelihood, die Hendy-Penny-Spektralanalyse und die Rolle von Simulationen). Fehlerquellen werden ebenso kritisch dargestellt wie die Möglichkeiten der Plausibilitätspüfung. Drei weitere Abschnitte behandeln die Bedeutung der Phylogeneseforschung für Ökologie und Evolutionsforschung sowie die Umsetzung der Ergebnisse in der Systematisierung und Klassifikation. – Für den ernsthaften Phylogenetiker sind vor allem auch die praxisnahen Kapitel über "Verfahren und Begriffe" sowie über verfügbare Computerprogramme, Internetadressen und weiterführende Literatur sehr hilfreich. – Dieses Buch füllt eine wichtige und spürbare Lücke in der deutschsprachigen Lehrbuchliteratur, setzt aber zugleich auch durch den Versuch der Synthesebildung einen wichtigen Akzent, der dem internationalen Schrifttum weitgehend fehlt. Man darf daher auf die in Vorbereitung befindliche englischsprachige Ausgabe und die Reaktion der internationalen Fachwelt gespannt sein. Das Buch ist zwar nicht leicht verdaulich, darf dafür aber als Meilenstein der Systematikliteratur bezeichnet werden.
CLAS M. NAUMANN
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